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Alter schützt vor Unfug nicht

Updated: Dec 14, 2022

Offroad-Pisten mit der Strassenmaschine… oder was das innere Kind mit Motorradfahren zu tun hat. Ein Gastbeitrag von Bernd Hanisch.




Was hat man im Laufe eines Lebens nicht alles für verrückte Ideen. Und sollte man mit zunehmendem Alter nicht ruhiger werden, diese verrückten Ideen ad acta legen? Oder gilt dies bei Motorradfahrern/innen nicht?


Gastautor Bernd Hanisch. "Das Alter ist mehr als nur körperliche Veränderung, es ist auch eine Haltung. Wenn du deine Neugier verlierst, hörst du auf, ein Kind zu sein. Vielleicht ist das der Grund für diese Motorradreise".

In meinem Fall, ich zähle mittlerweile schon 57 Jahre, trifft das mit dem ruhiger werden wohl eher nicht zu. Im Gegenteil. Immer wieder suche ich Herausforderungen. Und so reifte in mir ein Plan, den ich 2022 in die Tat umsetzte, mit meiner geliebten Suzuki 1250 Bandit S2 Concept auch abseits befestigter Strassen fahren zu wollen.


Aber wie kommt man auf so einen Wahnwitz, mit einer Strassenmaschine offroad fahren zu wollen, vor allem in meinem Alter? Zugegeben, ich habe keine Ahnung. In meinen späteren Recherchen habe ich manch anderen gefunden, der genauso verrückt zu sein scheint.



Sich selbst erschrecken...

Ziel sollte die Assietta Kammstrasse werden und so begann ich mir Gedanken zu machen, wie ich mein Motorrad auf dieses Abenteuer vorbereiten kann. Klar war, dass ich definitiv Offroadbereifung brauchte. Vorhergegangene zaghafte Versuche abseits der Strasse zu fahren hatte mir gezeigt, das ich mit normaler Strassenbereifung frühzeitig an die Grenzen des Möglichen stossen werde. Fündig wurde ich bei Continental mit dem TKC 70 in den Dimensionen 120/70 R17 vorn und 180/55 R17 hinten. Für diese gibt auch eine entsprechende Reifenfreigabe. Schnell waren diese also geordert.


Um mein Motorrad vor unnötigen Beschädigungen bei möglichem Bodenkontakt zu schützen wollte ich Sturzbügel verbauen. Diese zu ordern bedurfte es etwas mehr Anstrengung, aber letztlich lagen auch diese in meiner Garage und wurden sachgerecht verbaut. Dafür musste der Bugspoiler jedoch weichen. Und um die schönen Kühlerverkleidungen der S2 Concept nicht zu ruinieren, ersetzte ich diese durch die originalen Plastikverkleidungen. Als letztes verstärkte ich noch die selbstgebauten Kofferträger für meinen alten Krauser K2 Koffer.



Ein erster Offroadtest endete in einem Desaster. Auf einem sehr engen Waldweg, rechts ging es ziemlich steil bergab, fuhr ich mich in einer Senke derartig fest, dass jeglicher Versuch die 240 kg schwere Maschine dort allein heraus zu bekommen kläglich scheiterte. Zu meinem Schrecken brach ich mir beim Versuch die Maschine aus der Senke zu heben den 3. Lendenwirbel, wie sich später herausstellten sollte. Nur mit Hilfe eines ansässigen Bauern, dessen Mutter und Vater schafften wir es das Monstrum dort wieder heraus zu bekommen. Welch eine Schmach.



Schlimmer geht immer

Trotz meines kläglichen Versuchs wollte ich an meinem Plan festhalten. Schlimmer noch. Bei meiner Tourenplanung und entsprechenden Recherchen reifte sogar der Plan den Monte Pramand, den Monte Jafferau und zur Krönung den Col de Sommelier zu befahren. Schlimmer geht halt immer.




Anfang September war es dann soweit und ich machte mich mit einem befreundeten Kollegen voller Vorfreude auf den Weg. Um unser erstes Etappeziel, das Fort de Variselle am Lac de Mont-Cenis, zu erreichen nutzen wir den Mont Blanc Tunnel, der mit einer Maut von 32 € einer der teuersten Tunnel überhaupt ist, und dann weiter über den Col de l'Iseran, Col de la Madeleine und den Col du Mont Cenis. Vor Ort konnten wir dann die ersten wirklichen Offroaderfahrungen sammeln, denn der Weg zum Fort hatten wir Vanoisetal gewählt. Anfängliche leichte Schotterwege wurden zu Bergwanderwegen mit grossen Steinen und tiefen Auswaschungen. Leider verhinderte ein Durchfahrtsverbotsschild unseren weiteren Aufstieg zum Fort und unserem Übernachtungspunkt. Da es sich im Nationalpark Vanois befindet, wollten wir auch nicht gegen gesetzliche Bestimmungen verstossen. Also setzten wir unseren Weg Richtung Assietta auf der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz fort, indem wir über die Staumauer des Lac de Mont Cenies führen. Es war schon ein komisches Gefühl dort herüber zu fahren und den freilaufenden Kühen, die den gleichen Weg wählten auszuweichen.




Fündig wurden wir an einem Bach in der Nähe von San Martino. Zu unserem grossen Glück standen dort auch zwei Holztische und Bänke. Schnell wurde das Zelt aufgeschlagen und ein Lagerfeuer entfacht.

Am nächsten Morgen verliessen wir recht früh frohen Mutes unseren Übernachtungsplatz. Einzig das niedergedrückte Gras erinnerte noch daran, das wir jemals dort gewesen waren, was uns beiden sehr wichtig war.




Von Glück und Ehrgeiz

Der Anfang der Assietta Kammstrasse ... das Glücksgefühl steigt. Ausser zwei weiteren Motorradfahrern mit leichten Crossmaschinen waren wir die einzigen. Aber kaum angekommen kam auch ein Baufahrzeug und sie stellten ein Durchfahrtsverbot auf. Aber wir sollten riesen Glück haben. Nach kurzer Verhandlung liessen sie Bauarbeiter uns mit dem Hinweis, uns zu beeilen, doch durch und somit sollten wir vier die Einzigen an diesem Morgen sein, die aus Richtung Susa die Assietta befahren durften.


Meine Bandit machte sich erstaunlich gut und anfängliche Befürchtungen mit dem doch tiefliegendem Motorrad aufzusetzen lösten sich in Rauch, bzw. Staub auf. Selbst tiefere Senken meisterte sie Problemlos. Trotzdem war es alles andere als leicht die schwere Maschine dort zu bewegen, denn das hohe Gewicht, der kurze , das kleine 17 Zoll Vorderrad und der doch flache Lenker sind alles andere für Offroadstrecken geeignet und ich hatte nicht nur einmal die Sorge die Maschine in den Dreck zu schmeissen. Aber mit jedem Kilometer wurde ich sicherer. Am Colle Basset verliessen wir dann die Assietta und bogen in Richtung San Marco ab.


Die Fahrt zum Monte Pramand war dann schon ein ganz anderes Kaliber. Grosse Steine gepaart mit Schotter, lockeren Sand und tiefen Auswaschungen sind das Markenzeichen dieser Strecke, die nach der Denzeltabelle mit SG4 eingestuft wird. Selbst Fahrer mit Offroadmaschinen kommen hier öfter an ihre Grenzen. Hinzu kommt das es kaum eine Seitensicherung in Form von Schutzplanken oder ähnliches gibt. Es ist schon ein sehr eindrückliches Gefühl teils recht dicht am Rand entlang zu fahren und zu sehen wie es neben einem senkrecht ein paar hundert Meter hinabgeht. Aber auch hier zeigte sich die Bandit mit ihrem drehmomentstarken Motor unbeeindruckt. Dank der Offroadreifen und dem Gewicht vom Gepäck auf der Hinterachse war selbst ein Anfahren am Berg problemlos zu meistern. Einzig die schon erwähnten Nachteile gegenüber Offroadmaschinen schmälerten das Vergnügen. Durch den tiefen Lenker ist so auch im Stehen fahren kaum möglich ohne noch mehr Gewicht auf das Vorderrad zu legen. Hinzu kam die Sorge das die Alufelgen dies nicht unbeschadet überstehen. Und so war die Auffahrt zum Pramand doch ein sehr schweisstreibendes Unterfangen.



Oben angekommen war ich erst mal fix und fertig. Die teils entgeisterten Blicke der auf den Pramand Anwesenden war trotzdem genial. Aber mein Rücken meldete sich durch ziemlich starke Schmerzen. 4 Wochen Genesungszeit nach dem Wirbelbruch waren wohl doch etwas zu wenig. Es stellte sich mir so die Frage des Weiterfahrens oder Umkehrens. Umkehren kam nicht in Frage, denn ich war mir nicht ganz sicher die Bandit dort unbeschadet wieder hinunter zu bekommen. Zudem war da auch noch der Ehrgeiz.


Also furen wir weiter zum Fort Monte Pramand. Dieses ist zwar nichts Spektakuläres, aber der Weg dorthin, denn er führt durch einen alten Militärtunnel. Dieser weisst zwei spezielle Besonderheiten auf. Zum einen tropft es permanent von der Decke, was die groben Steine am Boden nass und rutschig machen und selbst grössere Pfützen möglich sind, zum anderen die Dunkelheit. Der Tunnel schluckt regelrecht das Licht des Frontscheinwerfers so das man das Gefühlt hat fast blind zu fahren. Einzig die kleinen LED-Zusatzscheinwerfer konnte diese Dunkelheit etwas durchdringen und ein wenig von dem preisgeben was vor mir liegt. Es ist schon ein echt wahnwitziges Naturschauspiel und nichts für Menschen mit Klaustrophobie. Kurz vor dem Ausgang des Tunnels sah ich mich einer Wasserfläche gegenüber, wo ich anfänglich nicht einschätzen konnte wie tief diese ist. Eine Bandit hat auch bei Wasserdurchfahrten bekanntlich Nachteile gegenüber Enduros. Aber Gott sei Dank war diese doch nur sehr flach.



Am Fort angekommen das gleiche Szenarium wie am Monte Pramand selbst. Erstaunte Blicke. Über die Frage eines GS Fahrers aus Bremen, ob ich mit der Bandit wirklich hier hoch gefahren bin, musste ich herzhaft lachen. Als er mich auf mein Bejahen dann als verrückt erklärte musste ich ihm jedoch zustimmen.

Aber mein Rücken meldete sich mit immer stärkeren Schmerzen und so entschieden wir den Jafferau und den Somellier auf ein anderes Mal zu verschieben und statt dessen den kürzesten Weg nach Gleise und von dort über die Strada Provinciale del Colle delle Finestre den Weg Richtung Heimat einzuschlagen. Dabei machten wir noch mal Halt am Forte delle Valli und Forte Serre Marie. Letzter Stopp war dann der Colle delle Finestre.


Einen geeigneten Übernachtungsplatz fanden wir dann an einem Bach bei Traverses. Es sollte eine für mich kurze Nacht werden. Durch das in der Nacht aufgezogene kurze aber heftige Gewitter stellte sich heraus, das mein Zelt, welches wir auf Grund der Bodenverhältnisse ohne Verspannung aufstellen mussten, in dem Fall nicht sehr Regentauglich ist. So machte ich mich kurzerhand morgens um 3 Uhr daran, meine zusätzliche Plane über das Zelt zu werfen, und eine Art kleines Vorzelt zu bauen. An Schlaf war nach dieser Aktion nicht mehr zu denken und so schürte ich das Feuer und genoss bei einem Kaffee die nächtliche Stille und wohltuende Wärme. Mein Begleiter hat von meinem Gewusel nicht wirklich etwas mitbekommen und den Schlaf der Gerechten geschlafen. Welch ein Wunder.



Um 8 Uhr fuhren wir nach einem kurzen Kaffee weiter Richtung Heimat. Auf diesem Weg überquerten wir noch den Colle de Lys und den Colle de Colma bevor uns unser Weg über die Broccette di Séssera (Panoramica Zegna) Richtung Simplon-Pass führen sollte. Bei Domodossola trennten uns dann jedoch unsere Wege, da mein Begleiter noch weiter zu einem Bekannten wollte. So setzte ich meinen Weg alleine über den Simplon fort. Da es doch schon recht spät geworden war, entschied ich mich via Autozug durch den Lötschbergtunnel zu fahren. In Kandersteg angekommen ging es dann die letzten Kilometer via Autobahn bis nach Hause, wo ich meine Familie erschöpft aber glücklich in die Arme schliessen konnte.







Fazit dieser Tour

Die Bandit ist für solche Strecken definitiv nicht ausgelegt, aber mit fahrerischen Können und Mut lässt sich auch das schaffen. War es verrückt? Definitiv. Würde ich eine solche Strecke nochmals mit der Bandit fahren? Definitiv nein, denn ich liebe dieses einzigartige Motorrad und möchte es noch Jahre fahren. Da mich aber das Fieber des Offroadsfahrens gepackt hat und ich weiterhin die Herausforderung suche und habe ich mir für meine nächsten Touren dieser Art, eine 94er Yamaha XTZ 750 Super Tenere zugelegt. Für 2023 ist auch schon die nächste Tour in Vorbereitung. Und diese wird mich neben einigen anspruchsvollen Schotterpässe abermals über den Monte Pramand und diesmal definitiv auf den Monte Jafferau und Col de Sommelier führen. Alter schützt halt vor Unfug nicht... aber das macht gücklich...

Sei vernünftig und höre auf dein inneres Kind, weil es mehr Lehren für dich hat, als du dir vorstellen kannst und jede davon führt dich auf deinen ganz eigenen "Weg des Glücks".

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